“Die türkische Freundin” – eine Rezension in den Musenblättern

von Frank Becker “Musenblätter”

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Halbmond auf Schwarzrotgold

Miniaturen

Daß Michael Zeller ein aufmerksamer Beobachter ist, der sorgsam seine Worte wägt, ein reicher Erzähler von beeindruckender Genauigkeit, wissen wir aus seinen hier schon gelegentlich vorgestellten Büchern und Betrachtungen, sowie aus seiner seit Jahresbeginn sonntäglich bei uns erscheinenden Kolumne „Seh-Reise“. Wie sollte es also überraschen, in seinem neuen Buch „Die türkische Freundin“ all diese Qualitäten wiederzufinden. Und doch ist der schmale Band mit seinen Miniaturen und Gedichten von ganz eigenem Reiz. Die Begegnung eines älteren Deutschen mit einem in der Nachbarschaft aufwachsenden Mädchen, Kind traditionalistischer türkischer Eltern, die Beobachtung von dessen Entwicklung bis zur erwachsenen Frau bildet den Rahmen für Rückblicke, Reise-Impressionen und eine Menge fast autobiographisch anmutender Ehrlichkeiten.

Michael Zellers zentrale Figur ist der Schriftsteller Andrich, der wie Zeller selbst mit offener Neugier auf die Welt ausgestattet ist. Ein Alter Ego? Ein Alter Ego. Wenn Andrich nicht an seiner Schreibmaschine sitzt, mit Blick auf den Hof und das schräg gegenüber liegende Fenster der türkischen Nachbarn, von wo ihm Yasemin zuwinkt, besucht er Städte und Menschen in anderen Ländern, taucht still ein in deren Welt – und schaut. Schöne erzählerische Parallelen zu seinem delikaten Bosnischen Mosaik „Granaten und Balladen“ tun sich auf – und Michael Zeller scheint noch genauer hinzuschauen und noch intimer die Gedanken zu öffnen. Denn zugleich ermöglicht der Blick Andrichs auf die Welt der anderen ihm, zu offenbaren, was und woran jener stellvertretend in Wehmut denkt und was er dabei fühlt.

Wir finden Andrich in Polen, in Israel, in Serbien, in Österreich, wir treffen ihn auf den Wegen seiner Stadt, in S-Bahnen und Bussen, am Kiosk des zu früh gestorbenen türkischen Inhabers, in der Bäckerei um die Ecke, in Cafés und Kaffeehäusern oder auf einer Fan-Meile während des Sommermärchens. Der heute mehr denn je diskutierte Begriff der Heimat spielt bei alledem eine wichtige Rolle. Flüchtige Begegnungen erscheinen wie Blätter eines Skizzenblocks, andere werden zu Aquarellen in kräftigen Farben.

Er läßt uns an seinen nächtlichen und an seinen Tagträumen teilnehmen, und wer ein Mann seines Alters ist, findet sich in jenen wieder, denn von delikater Erotik weiß Michael Zeller Andrichs tiefes Durchatmen beim Anblick der aufregenden Erscheinung einer schönen Frau zu beschreiben, die Reflektion letzter Sonnenstrahlen:

„(…) Ist er wirklich dem Traum zuliebe hier hineingeraten, oder war es nicht doch wegen der jungen Frau, die im Café bedient und die ihm im Vorübergehen aufgefallen war? Sein Blick riß sich los von ihm, und schon saß er da und bestellte einen Kaffee bei ihr. War es nicht so? Und jetzt sollte er dieses Gesicht unbeschrieben lassen? Irgendwie kommt es ihm doch auch vor wie die Fortsetzung seines geglückten Traums in der Nacht. Darf er also das blasse Inkarnat dieses Gesichts verschweigen, die Lippen mit diesem herausdrängenden, zauberisch dunklen Rot? Die Blässe gesteigert durch das Schwarz des Pullovers, der den Körper der Frau eher streichelt als verhüllt. Weit ausgeschnitten um den Hals, wandert er ihr von Schulter zu Schulter und läßt mal links, mal rechts das weiße Band des Büstenhalters aufscheinen wie ein Irrlicht, das ins Glück führen will oder in ein Verderben. So bewegt sie zwischen den Tischen das gedoppelte Runde schwer vor sich her, das Weiche, die Rundheit selbst, dem jeder Mann, bis ins Alter, eine ungestillte und unstillbare Sehnsucht nachträgt. Und der Beobachter entdeckt auch in den Augenfalten und um die hart geschlossenen Münder der Greise den Rest eines Lächelns, mit sie sich untereinander über die Schöne verständigen, den Stock in Reichweite an der Kante des Tischs. Eine letzte Verführung zum Leben. Wo beginnen denn unsere Träume, woraus nähren sie sich, wenn nicht aus diesen untiefen Wurzeln?“

Ist Andrich allein? Ja – und doch nein. Ist er unbehaust? Nein, er braucht diese Ausflüge, um seine kreative Glut zu befeuern, die brennen kann, wenn seine Fingerspitzen wieder auf der Tastatur seiner Schreibmaschine liegen. Das Ergebnis überzeugt.

Die Momentaufnahmen dieses schmalen Bändchens fordern zum zweiten Lesen auf – und tatsächlich bekommen die Bilder einerseits dabei neue Konturen, zum anderen lassen sie umso deutlicher erkennen, daß das Integrations-Problem eingewanderter Menschen aufgrund tiefer ethnischer, kultureller und religiöser Prägung erstaunlicherweise auch in zweiter und dritter Generation, ob willentlich oder nicht, weit schwerwiegender ist, als an der sichtbaren Oberfläche zu ahnen. Michael Zellers Buch wiegt bei aller Poesie schwer, so schmal es ist.

Michael Zeller – „Die türkische Freundin“

Geschichten und Gedichte

© 2018 asso Verlag, 108 Seiten, Broschur – ISBN: 978-3-938834-89-3

12,00 €

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